Politik & Welt

Buchautor Michael Blume: Der Islam hat keinen Aufwind, sondern ist in der Krise

Der Anteil muslimischer Menschen mit Glaubenszweifeln wächst, sagt der Religionswissenschaftler Michael Blume. Möglicherweise seien die Säkularisierungstendenzen im Islam noch stärker als im Christentum, so der Buchautor bei einem Vortrag in Frankfurt.

Sehen den Islam in der Krise: Der Soziologe Ercan Karakoyun (links) und der Religionswissenschaftler Michael Blume. Foto: Doris Stickler
Sehen den Islam in der Krise: Der Soziologe Ercan Karakoyun (links) und der Religionswissenschaftler Michael Blume. Foto: Doris Stickler

Wer am lautesten schreit, erhält am meisten Gehör, wer sich abweichend kleidet, fällt mehr auf: Auf diese Gesetzmäßigkeiten führt es der Religionswissenschaftler und Buchautor Michael Blume es zurück, dass der Blick auf Muslime und Musliminnen in Deutschland oft so verzerrt ist: Wahrgenommen werde vor allem eine „radikalisierte Minderheit“. Zum Beispiel glauben viele Menschen, dass die Zahl der Kopftuchträgerinnen steige. Tatsächlich nimmt sie Blumes Forschungen zufolge aber ab.

Auch die verbreitete Annahme, dass der Islam expandiere, sei falsch. Die Recherchen für sein Buch „Islam in der Krise“ hätten im Gegenteil ergeben: „Der Anteil von Muslimen mit Glaubenszweifeln wächst deutlich. Viele haben mit der Religion wenig oder gar nichts mehr zu tun“, sagt der Leiter des Referats „Nichtchristliche Religionen, Werte, Minderheiten und Projekte Nordirak“ im Staatsministerium Baden-Württemberg.

Blume geht sogar von „einer vielleicht noch stärkeren Tendenz zur Säkularisierung als bei den Christen“ aus. Dass das, was er „stillen Rückzug“ nennt, in der Öffentlichkeit keine Beachtung findet, lastet er irreführenden Zahlen an. Während in den Statistiken als „christlich“ oder „jüdisch“ nur Mitglieder der Kirche oder der jüdischen Gemeinden gezählt werden, gelte „jede Person mit muslimischen Vorfahren automatisch als Muslim“. Würde man für Musliminnen und Muslime dieselben Kriterien anlegen wie für Christinnen und Christen, dann wären es in Deutschland nicht mehr fünf Millionen, sondern nur noch eine Million – so viele nämlich, wie einem der muslimischen Verbände angehören. Er kenne etliche Menschen, die ursprünglich aus muslimischen Ländern kommen, sich aber nicht als aktiv Gläubige verstehen, und die es nervt, „auf etwas festgelegt zu werden, was sie nicht mehr sind“.

Zunehmende Skepsis gegenüber der Religion beobachtet Blume aber nicht nur hierzulande, sondern auch in muslimischen Ländern. Auch wenn dort nur wenige offen darüber sprechen, sei ihm bei einem humanitären Einsatz 2015/2016 im Nordirak einiges zu Ohren gekommen. Er habe mit Opfern des sogenannten „Islamischen Staates“ gesprochen, die entsetzt sind, was im Namen ihrer Religion geschieht: „Der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt.“

Ein Zustand, der ihn an die dunkle Epoche des Mittelalters erinnert. Während im osmanischen Reich Wissenschaft und Kultur eine Blüte erlebten, seien im christlichen Abendland die Menschen weitgehend ungebildet gewesen und wie bei den Kreuzzügen marodierend durch die Gegend gezogen. Erst der Buchdruck führte dann, zusammen mit der Reformation, zu einer „Bildungsexplosion“.

Dass der damalige Sultan Bayezid II. im Osmanischen Reich die entgegengesetzte Richtung einschlug und 1485 den Buchdruck verbot, habe in der islamischen Welt den Niedergang eingeläutet, glaubt Blume. „Dadurch ist ein riesiger Bildungsabstand entstanden, der bis heute nicht eingeholt wurde.“ Mittlerweile würden selbst islamische Prediger den Bildungsnotstand in vielen islamischen Ländern kritisieren – nicht zuletzt, weil viele Muslime und Musliminnen das Hocharabisch des Korans gar nicht verstehen.

Bei der vom »Forum interreligiöser Dialog« und der katholischen Akademie Rabanus Maurus organisierten Veranstaltung im Haus am Dom, stimmte Ercan Karakoyun, der Vorsitzende der Berliner Stiftung Dialog und Bildung, den Ausführungen Blumes zu. Er gehört der so genannten „Hizmet-Bewegung“ an, die dem Sufismus verbunden ist und für eine zeitgemäße Interpretation des Islam eintritt. Die Maxime des Gründers Fethullah Gülen »baut Schulen statt Moscheen« hält der Raumplaner und Stadtsoziologe in der islamischen Welt für wichtiger denn je. Menschenrechte und Glaubensfreiheit würden dort bis heute ebenso wenig akzeptiert wie die Trennung von Staat und Religion. Von der Rolle der Frauen ganz zu schweigen.

Wohin das führt, zeigt sich für Karakoyun in der Türkei gegenwärtig besonders drastisch: Religion verkomme zur politischen Ideologie, Politiker missbrauchten den Koran. Ob in der Türkei oder andernorts – „alleine schaffen Muslime nicht den Weg aus der Krise“, steht für ihn fest, denn: „Wer Lösungswege aufzeigt, wird verfolgt.“

Umso mehr wünschte sich der Mitbegründer des „House of One“, einem Bet- und Lehrhaus für die drei monotheistischen Religionen in Berlin, Unterstützung aus westlichen Ländern. Tatsächlich aber würden die Handel mit Diktaturen im arabischen Raum betreiben und damit totalitäre Systeme am Leben erhalten. Auch die Waffenlieferungen müssten gestoppt werden.

„Wir müssen endlich an die Stellen gehen, wo es zwar weh tut, aber wo es auch hilft“, hob der mit einer Muslima verheiratete Protestant Blume hervor. Unter den Reaktionen auf sein Buch sei ihm der Verweis seines Schwiegervaters auf ein Zitat des persischen Dichters und Mystikers Rumi aus dem 13. Jahrhundert besonders in Erinnerung geblieben: „Schützt den Islam vor Fanatikern, sonst müsst ihr die Welt vor dem Islam schützen.“

Michael Blume: Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug«; Patmos-Verlag 2017; 192 Seiten; 19 Euro.


Autorin

Doris Stickler 77 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.